Bier&Breze - Der Philoskonomie Finanzblog

Ziel dieses Blog ist es, Denkanstöße zu geben und Diskussionen zu provozieren. Meine Posts sind nicht wissenschaftlich belegt, in der Regel absolut subjektiv, einseitig und wertend. Aber genau damit möchte ich Ihnen einen Nadelstich versetzen, der Ihnen hoffentlich einen Kommentar abringt.

Der Abschied vom Euro – nun ist es amtlich!

Der Abschied vom Euro – nun ist es amtlich!

Aufgrund der Circus-Einlagen auf der anderen Seite des großen Teichs gehen die aktuellen Ereignisse in unserem Gemeinschaftsexperiment Europa manchmal etwas unter. So scheint es auch mit dem Treffen am 06. März zwischen Frankreichs (Noch) Präsident Francois Holland und Angela Merkel gewesen zu sein. Im Vorfeld des Vierer-Gipfels in Versailles, aber auch des EU- Frühlingsgipfels und nicht zuletzt des 60. Jahrestags der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft am 25. März sprachen sich beide Politiker deutlich für ein „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ aus. Dieser dahingesäuselte Satz ist ein typisches Beispiel dafür, wie Ursache und Wirkung verdreht werden und das Ergebnis auf den ersten Blick sogar noch logisch erscheint. Allerdings steckt hinter dieser Botschaft viel mehr (mär) - nämlich die Kapitulation vor den Fakten und der kalkulierte Abgesang auf die Gemeinschaftswährung Euro.

Der Zweck heiligt die Mittel

Es scheint, dass der Druck der abgehangenen postfaktisch handelnden Bevölkerung, ein US Präsident Forrest Gump (so hieß er doch, oder?), der Brexit, und die Geert Wilders, Le Pens und Petrys dieser Welt die aktuelle Polit-Elite dazu bewegen, alle Register für den eigenen Machterhalt zu ziehen. Da scheint es nur logisch, dass auch das Gemeinschaftsprojekt Europa sein Fett abbekommt. Denn in diesen europakritischen Zeiten klingt es doch prima und auf den ersten Blick völlig nachvollziehbar, wenn die Regierungschefs der zwei Kernländer Europas von Flexibilität und Individualität schwadronieren. Denn anderenfalls „explodiert Europa“. So sagt es zumindest der glücklose Präsident Francois Holland. Haben er und Merkel da etwa ein Wundermittel aus dem Hut gezaubert, welches wir vor lauter Kritik nie gesehen haben?

Die Idee des geringsten Widerstands gab es schon immer

Die Idee eines Europas der verschiedenen Geschwindigkeiten ist nicht wirklich neun. Auf Wikipedia gibt es sogar einen eigenen Eintrag dazu. Allerdings bezog sich die Geschwindigkeitsdifferenz in der Vergangenheit eher auf den Integrationsprozess von neuen, beitrittswilligen Ländern. Das eine solche Diskussion nun aber im scheinbar etablierten Europa erneut aufgebracht wird zeigt, wie ernst die Lage wirklich ist.

Die Ehe der zwei Geschwindigkeiten

Um herauszufinden, was am Europa der zwei Geschwindigkeiten so problematisch ist, empfehle ich das folgende Ehe-Experiment: Falls nicht bereits geschehen, schließen Sie Ihre jeweils persönlichen Bankkonten und eröffnen ein Ehe-Gemeinschaftskonto bei der - sagen wir - EZB-Bank. Auf dieses Konto gehen nun alle Gehälter ein und wiederum werden hiervon alle Ausgaben gezahlt. Soweit so gut. Solange sich jeder an gewisse Spielregeln hält, funktioniert das Modell wahrscheinlich wunderbar und ist zudem auch effizient. Jetzt habe ich mit meiner Frau gesprochen und ihr erklärt, dass wir eine Ehe der zwei Geschwindigkeiten benötigen, um potenzielle Spannungen abzubauen. Wie das konkret aussieht? Ganz einfach, ich bin z.B. bei der Hausarbeit immer ziemlich angespannt –ich würde fast sagen nahezu verkrampft - und denke daher es ist notwendig, eine Putzfrau für meinen Anteil an der Haushaltsarbeit einzustellen. Ich werde jetzt auch jeder panflötenspielenden Indianer-Kombo einen 10er in die Schüssel schmeißen. Warum? Ich möchte beliebter werden! Gleiches gilt für die Geschenke an unsere Kinder. Ich will ja schließlich der Lieblingspapa sein. Dabei fällt mir ein, dass ich mit dem gleichen Ziel (nein, nicht Lieblingspapa, aber halt beliebt sein) den Jungs in der Kneipe auch mal die eine oder andere Runde spendieren könnte. Woher ich das Geld nehme? Na raten Sie mal! Ach, by the way, ich muss natürlich meine Arbeitszeit reduzieren (wegen der Kater und vielen Innenstadtbesuche) und kann daher – obwohl ich es gern möchte - leider nicht mehr so viel auf das Gemeinschaftskonto einzahlen. Aber so ist es nun einmal mit der Flexibilität und Individualität. Das wird meine Frau sicherlich verstehen.

Meine Klima ist stärker als deine Heizung!

Kennen Sie die Autos, wo der Beifahrer eine andere Temperatur als der Fahrer einstellen kann? Haben Sie mal ausprobiert, wenn die Klimaanlage volle Pulle gegen die Heizung kämpft? Oder stellen Sie sich einmal 27 Ausflügler im Bus „Euro“ vor. Wie funktioniert das jetzt konkret, wenn der eine langsamer und der andere schneller fahren möchte? Rennen dann alle zum Fahrer M. Draghi oder dem Klassenlehrer namens Juncker und versuchen diesen zu bequatschen? Ich könnte mir das schon vorstellen: Ein Bus der nach einer Vollbremsung erst einmal rückwärts fährt, um dann wieder voll zu beschleunigen und mit einem Powerslide einen 360 Grad Donat auf den Asphalt zu brennen. Nachdem die Gummis verraucht sind und der Sprit alle ist, stellen alle Ausflügler dann ernüchtert fest, dass sich der Bus trotz der peinlichen Show keinen Millimeter vorwärts bewegt hat.

Da vorn ist eine Wand?! Na dann rauf aufs Gas!

Die Idee eines „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ löst keinerlei Probleme, sondern wird diese noch weiter verstärken. Die aktuellen Probleme in Europa, und dies umfasst nicht nur die rein wirtschaftlichen Schwächen, sondern auch die immer stärker grassierende Europa-Skepsis, sind gerade deswegen entstanden, weil nicht alle Länder mit dem Tempo der Gemeinschaft schritthalten konnten und können. Diesen Umstand habe ich im Artikel Kernschmelze Europa – Festtagsumzug oder Trauermarsch? detailliert erklärt. Für eine Gemeinschaftswährung ist es aber unabdingbare Voraussetzung, dass alle Teilnehmerländer den gleichen Beitrag leisten. Anderenfalls wird der EUR einfach zu stark bzw. zu „teuer“ für Länder, deren Produktionseffizienz nicht schritthalten kann. In Deutschland konnten wir dieses Phänomen im Rahmen der Wiedervereinigung erleben, als die damalige starke D-Mark „über Nacht“ alle Unternehmen – in West und Ostdeutschland – quasi in Konkurrenz setze. Die Mehrheit der ehemaligen DDR Betriebe konnte mit der Produktionseffizienz der neuen Konkurrenz nicht schritthalten und musste abgewickelt werden. Auch wenn es viele Politiker nicht wahrhaben wollen, für den Euro gelten die gleichen Gesetze! Gibt man den Euro-Ländern, genauer gesagt den Politikern der Länder, nun die Möglichkeit der „Flexibilität“, wird diese nicht zur Effizienzsteigerung, sondern als Chance für ein Weiterwurschteln genutzt. Es ist das gleiche, als wenn man dem Hund an der langen Leine, der sein Geschäft bereits in Nachbars Garten verrichtet hat, als Strafe noch die die Leine zusätzlich verlängert. Man denke doch nur an die völlig ausufernden Maßnahmen der Europäischen Zentralbank EZB. Diese waren zumindest anfänglich gut gemeint und sollten den kriselnden Ländern Luft verschaffen, effizienzsteigernde Maßnahmen umzusetzen. Was wurde mit dieser Zusatzluft geschaffen? Genau, Nichts! Und warum ist das so? Weil Politiker nun mal Politiker sind und zugunsten ihrer Beliebtheit nun einmal in der Kneipe gern einen ausgeben – auf Kosten anderer verseht sich! Von daher wird auch die zusätzliche Flexibilität nichts lösen, sondern die Probleme noch weiter verstärken.

Für Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie sich selber...

Auch wenn es viele ungern hören möchten und wilde Stammtisch-Diskussionen oftmals zu einem anderen Schluss kommen, Politiker oder zumindest ihre Berater und Stäbe sind keineswegs dumm. Warum also kolportieren Merkel und ihr Französisches Pendant dann die Giftpille als Lösung?! Dazu könnte ich mir mehrere Varianten vorstellen, die natürlich auch in Kombination denkbar sind. Zu aller erst heißt es für beide Politiker, die nächste Wahl zu überstehen, auch wenn dies zumindest für Holland mehr als unwahrscheinlich ist. Da trifft es sich gut, die Kritik der Briten an Europa aufzukochen und als eigene Schein-Lösung zu verkaufen. Zum zweiten geht es wie seit nunmehr fast 10 Jahren schlichtweg darum, Zeit zu gewinnen und darauf zu hoffen, dass in der Zwischenzeit irgendein Wunder geschieht. Dies ist seit der Finanzkrise die gelebte Praxis. Das beste Beispiel dafür ist die durch die Billigzinsen befeuerte Politik des Schuldenmachens. Nicht einmal ein Psilocybin-Pilze lutschender weltfremder Optimist wird ernsthaft davon ausgehen, dass die bereits heute immensen und immer weiter anschwellenden Schuldenberge jemals auf normalem Weg abgebaut werden können! Der dritte und letztlich dramatischste Grund für den Ausruf eines Europa der zwei Geschwindigkeiten ist die mittelfristige Abkehr von der Gemeinschaftswährung Euro. Denn alle beteiligten Politiker wissen, dass eine Studenten-WG, bei der einige Wenige den Kühlschrank auffüllen, aber Viele das vermeintlich kalte Bier wegschlürfen nicht lange Bestand haben kann. Insofern ist man bereit, die Gemeinschaftswährung EUR im Sinne des übergeordneten Gedankens an ein friedliches Europa zu begraben. Denn wie ich bereits im Artikel Die Implosion von Europa – Zu viel gewollt? schrieb, ist die Europäische Idee größer als das zwangsweise Festhalten an einer Einheitswährung. Von daher folgt die jetzige Vorgehensweise dem Motto „Lieber den Spatz in der Hand, als den Euro auf dem Dach“. Sowohl die Politik, wie auch alle Banken und Versicherungen arbeiten bereits mit verschiedenen Szenarien im Falle einer Euro Abschaffung. Geprüft werden dabei die Auswirkungen von Parallelwährungen – ein Thema welches in vielen Ländern immer mehr in den Fokus rutscht, sowie die Fragen nach der Jurisdiktion von Verträgen. Denn wie wäre es denn, wenn die Finanzierung für Ihr Häuschen nicht in Obergünzburg sondern in Rom unterzeichnet worden wär?

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