Bier&Breze - Der Philoskonomie Finanzblog

Ziel dieses Blog ist es, Denkanstöße zu geben und Diskussionen zu provozieren. Meine Posts sind nicht wissenschaftlich belegt, in der Regel absolut subjektiv, einseitig und wertend. Aber genau damit möchte ich Ihnen einen Nadelstich versetzen, der Ihnen hoffentlich einen Kommentar abringt.

Die Implosion von Europa – Zu viel gewollt? (1)

Die Implosion von Europa – Zu viel gewollt? (1)

Die Idee eines vereinten Europa war und ist visionär. Seit über 70 Jahren dient sie als Garant für Frieden und Freiheit. Warum aber riskieren wir durch eine unnütze Einheitswährung dieses wegweisende Ziel. Der erste Teil der Krisenanalyse beschäftigt sich mit den Geburtsfehlern des Euro und dessen Folgen.

Respekt!

Deutschland hat im zweiten Weltkrieg einen Teppich der Verwüstung und Trauer hinterlassen. Millionen Menschen sind einem Mann und seinen Allmachtsfantasien zum Opfer gefallen. Welche Chuzpe und Courage muss man dann haben, sich ein Jahr nach Kriegsende hinzustellen und von einem vereinigten Europa zu sprechen, welches dann auch noch mit einer Partnerschaft von Frankreich und Deutschland beginnen muss. Auch wenn sie nicht ganz uneigennützig war, verlangt einem die Rede von Winston Churchill, die er am 19.09.1946 in der Züricher Universität hielt, eine gehörige Portion Respekt ab. Dies gilt umso mehr, als die Ansprache mit dem legendären Satz „let Europe arise“ endete. Diese Rede definiert auch den Nukleus der Europäischen Idee: Freiheit und Frieden! Seit über 70 Jahren können bereits mehrere Generationen ein erfülltes Dasein ohne Angst um Leib und Leben oder Hab und Gut führen! Und dies ist in der Europäischen Geschichte bisher einmalig! Da der Mensch ein Gewohnheitstier ist, nimmt er den Status Quo leider als gegeben hin und hinterfragt nicht, was der Preis für dieses Leben in Freiheit war und wer ihn eigentlich bezahlt hat. Die größte Sorge, die wir heutzutage haben, ist die eines leeren Handy-Akkus. Nur um es ganz deutlich zu sagen: Bei allen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, Streitereien und Schuldzuweisungen muss der Erhalt des Europäischen Kerngedankens unser aller Ziel sein! Daher geht es mir in den nachfolgenden Abschnitten nicht um dessen Infragestellung. Es soll vielmehr die Frage geklärt werden, ob die Erweiterung der Europäischen Grundidee um eine einheitliche Währung dieser genützt oder sogar geschadet hat.

Der Wunsch war stärker als die Realität

Die Grundidee von einem gemeinsamen Europa beruht auf gegenseitigem Respekt und Völkerfreundschaft. Doch leider gilt im Kleinen wie im Großen: Bei Geld hört die Freundschaft auf! Trotzdem haben die damals beteiligten Politiker den Europäischen Kerngedanken relativ frühzeitig um die Idee einer einheitlichen Währung erweitert. Die schwankenden Wechselkurse der damaligen lokalen Währungen, wie z.B. der D-Mark, Lire oder Peseta wurden als Handelshemmnis interpretiert. Weiterhin stand stets der Gedanke im Raum, dass eine wirkliche Einheit nur mit einer wirtschaftlichen Verwobenheit erreicht werden könne. So wurde 1979 im Rahmen des Europäischen Währungssystems (EWS) die European Currency Unit (ECU) als virtuelle Währung bzw. Recheneinheit eingeführt. Der Wert des ECU ergab sich aus der Bündelung der Lokalwährungen von potenziellen Mitgliedsstaaten in einem Währungskorb. Nach der Fixierung des jeweiligen lokalen Wechselkurses ist aus dem ECU am 01.01.1999 der Euro hervorgegangen. Während des Bestehens des ECU galten bestimmte Bandbreiten, in welchen eine Währung zur anderen schwanken durfte. Verließ ein Wechselkurs diesen Bereich, waren die jeweiligen Zentralbanken aufgefordert, entsprechende Deviseninterventionen zu tätigen. Es konnten 1999 nur die Länder den Euro einführen, deren Währung in den letzten beiden Jahren vor der Einführung nicht abgewertet wurde.

Die Währung ist die Aktie eines Landes!

Ein wesentlicher Grund für die Einführung einer einheitlichen Europäischen Währung war die von Politikern und leider auch von Wirtschaftsexperten vertretene Meinung, dass Wechselkursschwankungen etwas Negatives oder gar Verbannenswertes sind. Warum eigentlich? Die wirtschaftliche Prosperität, solide Haushaltsführung und gute Infrastruktur eines Landes resultieren in dem Wunsch anderer Länder und Investoren, Geschäfte mit diesem tätigen zu wollen. Kurzum, eine Währung ist der Maßstab, wie Externe die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes im Vergleich zu anderen Ländern einschätzen. Eine stabile Währung ist nichts anderes, als der solide Aktienkurs eines Landes. Was bitte ist daran verwerflich? Wechselkursschwankungen werden immer dann verteufelt, wenn „die Märkte“ angeblich falsch liegen und die Währung des eigenen Landes (selbstverständlich ungerechtfertigt) abwerten. Aber genau diese Abwertung hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass einige Länder überhaupt noch Waren produzieren und international verkaufen konnten. Denn schließlich waren die exportieren Produkte im Verhältnis zu denen von anderen Ländern dann günstiger. Auf der anderen Seite wurden alle Importe teurer, was für die Bevölkerung, vor allem für Waren des täglichen Bedarfs, ein echtes Problem darstellen konnte. Aber genau dieser Druck hat dann dazu geführt, dass Reformen angestoßen wurden. Produkte wurden effizienter hergestellt, Innovationen vorangetrieben oder Bürokratie vereinfacht. Wechselkursschwankungen sind demnach keine Bürde, sondern vielmehr ein absolut notwendiger Indikator und Motivator für jede Volkswirtschaft. Man könnte dieses System auch ganz simpel „Marktwirtschaft“ nennen. Führt eine Zentralbank Interventionen am Devisenmarkt durch, indem sie z.B. die eigene Währung aufkauft um deren Kurs zu stützen, ist dies nichts anderes als ein Herumdoktern an den Symptomen der Krise. Die Ursache der Währungsschwäche wird damit aber nicht gelöst! In solchen Stützungsaktionen steckt immer auch die Aussage, dass ein einzelner Marktteilnehmer (hier die Zentralbank oder Regierung) der Meinung ist, „schlauer“ als der Markt zu sein. Denn schließlich stellt man sich mit der Intervention ja gegen diesen. Ist ein zentrales Entscheidungsorgan effizienter als Millionen von Investoren? Ich habe meine berechtigten Zweifel.

Exkurs: IWF hat keine Existenzgrundlage

Basierend auf der Argumentation, dass Wechselkursschwankungen notwendig sind um Anpassungsprozesse einzuleiten, zweifle ich an der Daseinsberechtigung des Internationalen-Währungsfonds IWF. Denn dieser wurde eigentlich gegründet, um Ländern das Geld zu leihen, welches diese für ihre Intervention am Devisenmarkt benötigen. Mit diesen harten Dollars wurde dann die eigene Weichwährung gekauft, um über den Angebot-Nachfrage Mechanismus des Preis „zu korrigieren“. Diese Interventionen sind immer dann beliebt, wenn der Kurs der eigenen Landeswährung (natürlich nur wegen des bösen Kapitalmarkts) mal wieder wie Wachs in der Sonne zerrinnt. Beispiel Ungarn: Hat das Land die durch die auf IWF-Pump durchgeführten Deviseninterventionen erkaufte Zeit sinnvoll genutzt und konnte der Verfall der Währung dadurch nachhaltig aufgehalten werden? Zweimal nein, ganz im Gegenteil! Schaut man sich die heutige Rolle des IWF näher an, ist aus dem Notkreditladen ein globales Machtinstrument geworden. Die Rolle des Big-Spenders erlaubt es dem IWF ganz gezielt Einfluss auf Regierungen zu nehmen. Das haben andere Länder schon längst erkennt und die Spitzenpositionen dieser Institution besetzt. Nur wir Deutschen haben dies wieder einmal voll verschlafen und wundern uns, warum wir uns auf Sitzungen vorführen lassen müssen und die Deutsche Bank von IWF zerredet wird!

Die Warnlampe leuchtete 20 Jahre lang rot!

Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, die Wechselkurse der damaligen Lokalwährungen der größten Europäischen Volkswirtschaften seit der Einführung des ECU gegen diesen zu quotieren. Alle Kurse starten 01. Januar 1980 und wurden der Vergleichbarkeit wegen auf den Indexwert 100 normiert. Weichwährungen vor der Euro-EinführungEs ist deutlich zu sehen, dass außer der D-Mark alle anderen Währungen im Laufe der Zeit nahezu konstant an Wert verloren haben. Die Spanische Peseta hat im Verlauf von 20 Jahren fast 80% Ihres ursprünglichen Wertes gegenüber der Gemeinschaftswährung eingebüßt. Auffällig ist, wie selbst aus der volatilsten Währung kurz vor dem Start des Euro ein Hort der Stabilität wurde, was ja wiederum ein Konvergenzkriterium für die Einführung der neuen Währung war. Ein Schelm ist, wer Böses dabei denkt! Wenn man sich den Verlauf der Wechselkurse anschaut, wird selbst ein Laie zur Schlussfolgerung kommen, dass die Fixierung eines Wechselkurses auf lange Sicht nicht funktionieren kann. Denn wir haben doch nicht ernsthaft geglaubt, dass mit der dauerhaften Kursfestschreibung die Probleme und Schwankungen der Vergangenheit gelöst bzw. beendet sind. Dieses Dilemma wurde auch damals schon von klugen Köpfen erkannt. Haushaltsdefizit eurokrise unionAls Gegenmaßnahme wurde der sog. Stabilitätspakt eingeführt. Dieser soll durch fiskalpolitische Leitplanken (z.B. Begrenzung der Neuverschuldung) dafür sorgen, dass jedes Land auch nach der Euro-Einführung auf dem Niveau des fixierten Wechselkurses verbleibt. Das der Stabilitätspakt das Papier nicht wert ist auf dem er steht, hat uns die Vergangenheit mehrfach gelehrt - siehe auch Grafik. Es gab fast jedes Jahr eine Unmenge guter Gründe, warum man ihn nicht einhalten konnte – siehe aktuelle Diskussion mit dem Haushalt von Italien. Wir Deutschen sind aber nicht besser. Auch wir haben die Kriterien mehrfach gerissen – mit 1.000 berechtigten Gründen natürlich.

Der Euro als Painkiller

Durch die Abschaffung der Lokalwährungen wurde jedem Land eine Tablette verabreicht, die dafür sorgt, dass die oben beschrieben Schmerzen eines abwertenden Wechselkurses nicht mehr vorhanden sind. Denn es gibt ja keinen Wechselkurs mehr, der einem die Sichtweise der anderen auf das eigene Land vermittelt. Die Gefahr einer solchen Nervenabstumpfung ist aber, dass man sich die Hand über einer Kerzenflamme vollständig verbrennt oder sogar auf die Idee kommt, Feuer sei ungefährlich – schließlich spürt man ja nichts. Neben dem scheinbar positiven Effekt, durch kein blinkendes Warnlämpchen mehr genervt zu werden, wurde mit der Abschaffung der Landeswährung aber jedem Land zusätzlich die Möglichkeit geraubt, seine Produkte und Dienstleistungen über die Abwertung des Wechselkurses für den Weltmarkt attraktiv zu halten. Wie in der obigen Grafik deutlich ersichtlich, war dies lang geübte Praxis in Italien und Spanien. Fehlt diese Möglichkeit, kann ein Land die Wettbewerbsfähigkeit nur über andere Mechanismen, wie z.B. Preissenkungen, erhalten oder verbessern. Diese wiederum sind z.B. durch Effizienzsteigerungen oder sinkende Lohnkosten erreichbar. Und genau an dieser Stelle kommt den Politikern und Gewerkschaften eine große Verantwortung und Schlüsselrolle zu. Denn dieses Establishment müsste die oftmals unpopulären und schmerzhaften Entscheidungen beschließen, durchsetzen und vor allem durchhalten.

Exkurs: The Sick Man of Europe

Man möge sich erinnern, dass Deutschland Ende der 90er vom The Economist als „The sick man of Europe“ betitelt wurde. Darauf reagierte der damalige Kanzler Gerhard Schröder mit einer Reihe von Arbeitsmarktreformen - genannt Agenda 2010. Man mag vom Putin Freund halten was man will, aber ein Teil des heutigen wirtschaftlichen Erfolgs von Deutschland können er und alle Befürworter auf ihren Konten verbuchen. Viele werden sich auch noch an die Proteste und Ängste im Vorfeld der Reformen erinnern, die uns streikfaule Deutsche sogar zu Großdemos getrieben haben. Wir sollten uns zweifellos beim „kluge Ratschläge-geben“ etwas zurückhalten. Der Vorwurf einiger EU-Länder, wir würden vom hohen Ross nur Dinge erzählen, von denen wir keine Ahnung haben, ist aber schlichtweg falsch. Auch Deutschland hat einen harten Leidensweg durchlaufen müssen.

Vor allem in den Jahren vor der Finanzkrise sorgte die währungsbedingte Schmerzfreiheit dafür, dass in keinem Land und an keiner Stelle ein Bedarf an Reformen gesehen wurde. Damit wurde die Kluft, zwischen dem praktizierten Lebensstandard und dem was man sich hätte leisten können oder sollen, unbemerkt immer größer. Ganz im Gegenteil. Die Politiker aller Länder feierten die exorbitanten Zuwächse des Lebensstandards als Ergebnis der Europäischen Union und des Euros – und natürlich ihrer Arbeit. Allerdings wusste keiner so recht, wo genau das Wunderwachstum eigentlich herkam.

Wieweit ab vom Kurs sind wir denn?

Wie Politiker nun einmal gestrickt sind, verteilen sie lieber anderer Leute Geld. Daher wurde anstelle der Verwaltung des ohnehin schon kritischen Status‘ Quo bei Einführung des Euro, erst einmal ein richtiger Schluck aus der Lohnpulle genommen. Nachfolgend finden Sie die indexierten Lohnstückkosten für einige EU-Länder. Lohnstückkosten euro staatenVor allem in den Jahren bis zur Finanzkrise, als die Probleme noch nicht offensichtlich waren, haben die Gewerkschaften überproportionale Lohnerhöhungen durchsetzen können. Da diese mit keinerlei Effizienzsteigerung verbunden waren, wurden lediglich die Lohnstückkosten in die Höhe getrieben. Dies sieht man deutlich in der Grafik. Eine solche Entwicklung hätte in der Vergangenheit zu einer spürbaren Abwertung der Landeswährung geführt. Da es eine solche nicht mehr gibt und der warnende Schmerz daher fehlt, wurden die Löhne munter weiter erhöht. Um zu ermitteln, wie tief der Graben zwischen gefühlter und realer Wettbewerbsfähigkeit der EU-Länder inzwischen ist, habe ich die eingangs dargestellten Verläufe der Lokalwährungen ab dem Jahr 1998, also nachdem der Fixingkurs zum Euro festgelegt wurde, anhand des Trends der Vergangenheit extrapoliert und auf den Indexwert 100 für das Jahr 1998 normiert. extrapoliert euro wechselkurs abwertungAuch wenn diese Methode definitiv keinen Preis für bestes wissenschaftliches Vorgehen erhält, gibt sie doch ein Gefühl, wie groß die Kluft zwischen den einzelnen Ländern in den Jahren nach der Einführung des Euro inzwischen geworden ist. Die Entwicklung der virtuellen Wechselkurse ist das Spiegelbild der Entwicklung der Lohnstückkosten, quasi die andere Seite der gleichen Medaille.

Cocktail her – gezahlt wird später

Die Einführung des Euro hat vielen Ländern ein wichtiges Warn- und Steuerungsinstrument geraubt – nämlich ihre Lokalwährung. Das ist nichts anderes als der Discobesuch, bei dem Sie Ihre Vodka-Bulls nicht mehr bar, sondern per clubeigener Karte zahlen. Mangels Indikator, dass die Scheine im Portmonee längst alle wären, belasten Sie die unschuldige Plastikkarte munter weiter. Diese Party dauert nun schon fast 20 Jahre an. Langsam dämmert es aber vielen, dass doch einmal der Tag kommt, bei dem man zur Kasse muss, um den Betrag auf der Karte auszugleichen. Dann verrät der Blick in die Brieftasche nichts Gutes. Gut ist es dann, wenn man jemand findet, der einem in dieser Krise aus der Patsche hilft.

Wenn Sie jetzt glauben, schlimmer geht nimmer, dann lade ich Sie ein, Teil 2 meiner Europa-Analyse im Beitrag Kernschmelze Europa – Festtagsumzug oder Trauermarsch? (2) zu lesen. Hier klärt sich auch die Frage, warum die Schussfahrt mit gerissenem Bremsseil erstaunlicherweise bis heute gut ging und wann die nächste Kurve kommt.

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