Kommt die Zinswende? Keine Angst, ist nur eine 360 Grad Kurve!

Seit der Wahl des neuen US-Präsidenten im November sind vor allem die Langfristzinsen in den USA und Europa ordentlich gestiegen. Die 10 jährigen Deutschen Bundesanleihen rentierten nach dem BREXIT Votum bei -0,2% und sind nun auf stellenweise 0,5% Verzinsung gestiegen. Schon kommen die Tennissocken-tragenden Bausparkassenvertreter um die Ecke und mahnen: Die Trendwende bei Zinsen ist da. Wer jetzt nicht sichert wird später das Nachsehen haben.

Steigende ZinsenZugegeben, bei dem schnellen Zinsanstieg innerhalb der letzten Monate kann man schon etwas nervös werden. Nach der Wahl des neuen US-Präsidenten hat sich die Entwicklung noch verstärkt. Im Bereich der Geldmarktsätze hat sich kaum etwas getan. Aber am langen Zinsende ging die Post richtig ab. Im Ergebnis haben sich die Zinskurven versteilert. Anbei eine Grafik dazu.

Trump auf Pump

Hinter dem Anstieg gib es verschiedene Erklärungsansätze. Zum einen vermuten viele Marktteilnehmer, dass „America first“ Präsident Trump das im Wahlkampf versprochene Konjunkturprogramm für die USA starten möchte. Und wie geht so etwas? Na klar, auf Pump! Dies würde dann in der Praxis bedeuten, dass es eine starke Neuverschuldung in den USA geben würde. Angebot und Nachfrage werden, der „invisible Hand of the markets“ sei Dank, nun einmal über den Preis geregelt. Um genügend Investoren für die Anlage in US-Treasury Bonds zu bewegen, muss demnach der Zins steigen. Und genau diese Erwartung wird nun schon im langen Zinsende eingepreist. Diese Erwartung bzw. die steigenden Zinsen verleiten nun viele Investoren USD zu kaufen und zu investieren. Resultat dieses Prozesses ist der aktuell starke USD. Wie reagiert nun aber Europa, wenn Gelder abgezogen und in den USA investiert werden sollen. Die Euro Zinsen am langen Ende der Zinskurve steigen auch, um die Attraktivität einer Kapitalanlage in EUR aufrecht zu erhalten.

Weitblick mit dem Mikroskop

Ein weiterer Grund für die aktuellen Zinsanhebungsfantasien ist die grundsätzliche gute wirtschaftliche Verfassung der USA. Diese ist zwar nicht herausragend, aber eben doch ganz ordentlich – vor allem wenn man sich die Entwicklung am Arbeitsmarkt anschaut. Weiterhin hat die Inflation nach einem 0-Wert in 2015 wieder zugenommen. Diese Faktoren spielen bei der Amerikanischen Notenbank FED eine große Rolle in Bezug auf Zinsentscheidungen. Um die Märkte bereits im Vorfeld auf steigende Zinsen vorbereiten, hat die FED im Jahr 2013 etwas erfunden, was sie „Forward-Guidance“ nannte. Man teilte den Märkten bereits vor Jahren einen geplanten Pfad der Leitzinsanhebungen (den sog. Dot Plot, den Aktuellsten finden Sie hier) mit und verband damit die Hoffnung, dass die Investoren sich auf steigende Zinsen einrichten. Leider ist dieser Ansatz etwas naiv und von daher ist dieses Instrument ist so effektiv, wie ein Dreirad bei der Formel 1. Ich habe die Forward Guidance einfach selber einmal ausprobiert und meiner 4-jährigen Tochter erklärt, dass ich ihr zukünftig den Sandmann streiche, falls sie in 4 Jahren einen Fünfer im Mathe-Test kassiert. Aus Sicht der FED wäre es jetzt nur logisch, wenn meine Tochter umgehend lesen lernt, damit sie sofort danach die Textaufgaben im Mathebuch durcharbeiten kann. Sei es wie es sei, jedenfalls wird die FED schon allein aus Gründen der Glaubwürdigkeit die Leitzinsbandbreite im Dezember 2016 um 0,25% anheben. Wie bereits erwähnt, sprechen die wirtschaftlichen Faktoren nicht unbedingt dagegen.

Wenn alle nach vorn laufen, hat man hinten die beste Sicht

Trump verbrennt Geld um seine Wahlversprechen zu finanzieren, die FED erhöht die Zinsen – sollte doch alles klar sein, oder!? Naja, die weltweite Zinsentwicklung der letzten Jahre war doch kein Selbstzweck im Sinne „Wir stützen mal die schwäbischen Häuslebauer“. Das von den Zentralbanken seit nunmehr fast 15 Jahren in die Märkte gepumpte Geld hat Schuldner und Gläubiger gleichermaßen von sich abhängig gemacht, wie die das Heroin den Junkie! Siehe dazu auch Artikel Kernschmelze Europa – Festtagsumzug oder Trauermarsch? (2). Genau dies wissen auch die Notenbanken und haben mit der Forward-Guidance versucht, an die Vernunft der Märkte zu appellieren und diese zum Selbstentzug zu bewegen. Nur, solange wie es Drogen für Lau gibt, wird niemand und schon gar kein hoch verschuldetes Land auch nur einen Gedanken an den kalten Entzug verschwenden. Ganz im Gegenteil, die Schuldenberge haben in den letzten Jahren noch einmal richtig zugenommen. Diese Tatsache kann auch Herr Trump nicht einfach weg-twittern. Es ist ein Irrglaube, dass ein US-Präsident, auch wenn er das Ego eines ganzen Planeten besitzt, Alleinherrscher über Zinsen und Aktienmärkte ist. Das sich Investoren auf Basis von widersprüchlichen Wahlkampfaussagen und kolportierten kindlich naiven Wirtschaftszusammenhängen eines Donald Trump ködern lassen, ist erstaunlich aber irgendwie auch nicht verwunderlich. Denn es bringt wenigstens einmal Bewegung in die ganze Kiste.Zinsverlauf langfristigDie EZB hat auf ihrer letzten Pressekonferenz deutlich zum Ausdruck gebracht, dass noch lange und ausreichend Heroin an die Abhängigen ausgegeben wird. Da ist die Ankündigung der Reduktion des Quantitative Easing Programms nur eine Randnotiz. Zusätzlich sollte man sich den Verlauf der Zinsen einmal im langfristigen Kontext betrachten. Dazu gibt es die folgende Grafik. Selbst mit der kleinen Bewegung rechts unten ist die These einer Trendwende aus meiner Sicht sehr gewagt!

Daher

Die Niedrigzins-Party ist noch im vollen Gange, auch wenn gerade einmal ein paar Bryan Adams Schmusesongs gespielt werden. Lassen Sie sich von den kurzfristig gestiegenen Zinssätzen nicht verunsichern. Nutzen Sie die Einstiegskurse für Anleihen und schicken Sie den Polyesteranzug-tragenden Bausparvertreter getrost nach Hause!

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Kommentare 1

Gäste - Thomas am Mittwoch, 14. Dezember 2016 21:41
Genau das...

Der Berater der Sparkasse hat genau das gesagt. ich lasse mich jetzt aber nicht verrückt machen

Der Berater der Sparkasse hat genau das gesagt. ich lasse mich jetzt aber nicht verrückt machen
Gäste
Montag, 26. Juni 2017

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