hiring-3624419_1920 Schön, wenn jeder einen Job hat und nichts mehr läuft...

Obwohl so manchem von uns die Finanzkrise immer noch in den geistigen Knochen steckt ist es ein Fakt, dass wir in den letzten 10 Jahren einen Aufschwung erlebt haben, wie es ihn seit der Nachkriegszeit nicht mehr gab. Ein angenehmer Nebeneffekt des Wirtschaftsbooms sind die seit Jahren fallenden Arbeitslosenzahlen. Quartal für Quartal werden neue historische Tiefststände vermeldet. Schon längst hat auf Seiten der Politik der Kampf um die Deutungshoheit begonnen – war es die Agenda 2010 oder die Politik der ruhigen Hand? Was unsere Politiker aber völlig außer Acht lassen ist der langfristige Schaden, den sich Deutschland gerade selber einbrockt.

Eine Geschichte von vielen

Ich bin ein Mann! Und was definiert Männer? Richtig, immer wenn sie mit einem neuen Hobby starten, haben sie den berechtigten Willen, dies mit der besten (und i.d.R. teuersten) am Markt verfügbaren Ausrüstung zu tun. Ist ja logisch – schlechtes Material bedeutet schlechtes Ergebnis. Aus diesem Grund hatte ich mich entschlossen, mir für mein kürzlich zugelegtes Hobby der Fotografie eine neue Nikon D850 zu gönnen. Warum? Weiß ich nicht, aber 46 Megapixel sind einfach nur geil. Kostenpunkt? Absolut gerechtfertigte 3.000 Mücken. Vorgehen? Klar, online Recherche und online Bestellung. Versand? Durch ein weltweites Logistik Unternehmen mit drei Buchstaben, U am Anfang und S am Ende. An dem Tag, an dem Kamera eintreffen sollte freute ich mich natürlich wie ein Schnitzel und fuhr besonders schnell (aber immer innerhalb der vorgeschriebenen Geschwindigkeits-Limite) nach Hause. Und siehe da, die Kamera war da. Sie lag mit einem deutlichen Hinweis auf den Inhalt vor meiner HAUS-Eingangstüre. Wieder einmal war die Wahl der teuersten Hobby-Waffe die richtige Entscheidung. Denn scheinbar konnten alle Vorbeikommenden mit der hohen Megapixelanzahl nichts anzufangen.

Hast Du schon mal geputzt? - Äh, ja - Prima, fängst Du morgen bei uns als Verputzer an

Im übertragenen Sinne spielt sich das oben beschriebene Erlebnis heutzutage überall gleich ab. Nicht nur in der sowieso von Filz, Schwarzarbeit und Scheinselbständigkeit gezeichneten Transport- und Zustellerbranche trifft man auf fragwürdiges Personal, sondern auch im Einzelhandel, bei Bau- und sogar hochpreisigen Beraterfirmen scheint es eine Art Brain-Drain gegeben zu haben. Ich habe noch nie so viele „Kollege gesucht“-Aufkleber an Firmenfahrzeugen gesehen wie dieser Tage (korrekt müsste es aber eigentlich „Kollege [m/w/d] gesucht“ heißen). Berichte über Unternehmen, die händeringend Arbeitskräfte suchen, stapeln sich wie die Dieselbetrugsanzeigen an deutschen Gerichten. Und was passiert dann in unserer innig geliebten Marktwirtschaft? Klar, wenn die Nachfrage nach Arbeitskräften steigt, treten Anpassungsmechanismen in Kraft. Entweder muss der Angebotslohn für die gesuchte Qualifikation steigen oder es müssen halt Abstriche bei der Qualifikation in Kauf genommen werden. Ist der Druck zu hoch, findet beides gleichzeitig statt. Viele Unternehmen haben das verstanden und versuchen derzeit das unterhalb der gesuchten Qualifikation liegende Eignungsniveau einzukaufen – selbstverständlich zum gleichen Gehalt, wie das eigentlich gesuchte Know-How. Aus volkswirtschaftlicher Sicht gibt es also eine Art Verdrängungswettbewerb bei den Qualifikationen. Die Bewegungsrichtung verläuft von unten nach oben - mit dem Ergebnis, dass „ganz unten“ die Leute fehlen. Daher muss es auch niemand verwundern, dass die Mitarbeiter der sog. Anlernberufe wie z.B. dem Sicherheitsdienst am Flughafen erfolgreich für mehr Lohn streiken können. Der gesamte Anpassungsprozess – ausgelöst durch einen Wirtschaftsboom - führt zu einer historisch niedrigen Arbeitslosenquote und damit auch zu höheren Löhnen und steigender Inflation. War es nicht genau das, was unser EZB-Chef will, was soll also daran falsch sein?

Kannst Du mir mal eben helfen?

Bevor ich zu dem Hauptproblem des deutschen Jobwunders komme, möchte noch kurz drei andere negative Aspekte erwähnen.

Starrer Arbeitsmarkt

Auch wenn die Politik ihre selbst geborene Tochter, die Leiharbeit, heutzutage als „prekäres Arbeitsverhältniss“ denunziert, ist der deutsche Arbeitsmarkt immer noch alles andere als flexibel. Dies gilt insbesondere, weil einstellungswillige Firmen oftmals Zugeständnisse bei den Arbeitskonditionen machen müssen. Da lassen sich die gesuchten Fachleute (und jene die sich so bezeichnen) natürlich lieber als fest anstellen, als einen befristeten Vertrag zu akzeptieren. Sollte die wohlklingende Konjunkturmusik einmal verstummen, ist es wie bei der Reise nach Jerusalem. Der heute aktive und wechselfreudige Arbeitsmarkt kommt sofort zum Stehen. Die zu teuer und nicht genug qualifizierten Mitarbeiter bleiben ob des mangelnden freien Stuhls nun sitzen. Diese kostspieligen Sitzwilligen werden die Bilanzen in Zukunft nachhaltig belasten. Die Unternehmen, die dies aktuell voraussehen und keine Festanstellungen akzeptieren wollen, besitzen eine Attraktivitätsquote wie schales Dünnbier oder treiben die Preise auf dem Festanstellungsmarkt umso stärker nach oben.

Festzementiertes Lohnniveau – Italien lässt grüßen

Die jüngsten Tarif-Verhandlungsrunden zeigen ein deutliches Lohnplus auf allen Ebenen und in allen Branchen. Wie beschrieben ist dies ein normaler Effekt von Angebot und Nachfrage. Allerdings sind diese Erhöhungen i.d.R. nicht flexibilisiert und vom Unternehmenserfolg abhängig, sondern als Fixum zementiert. Mit einem Abschwung bleiben sie erhalten. In Kombination mit dem starren Arbeitsmarkt droht dann das italienische Szenario, von einem am Output bemessenen viel zu teuren Arbeitsmarkt.

Mehrarbeit der echten Leistungsträger

Haben Sie eigentlich mal an diejenigen gedacht die aktuell nur damit beschäftigt sind, die Kartoffeln aus dem Feuer holen, welche die unterqualifizierten Neuankömmlinge ständig in selbiges hineinschmeißen? Wer hält denn den Output konstant bzw. steigert ihn, obwohl permanent Mitarbeiter unterhalb des eigentlich dafür benötigten Niveaus eingestellt werden. Und die Burnout-Suppe für diese Feuerwehr-Jobs wird perfekt, wenn man bedenkt, dass die Neueinstellungen noch identische oder sogar höhere Löhne fordern konnten.

Made in Germany – was interessiert mich Euer Geschwätz von gestern

Wir spulen mal mehr als 30 Jahr zurück. Es war die Zeit der harten D-Mark. Aber was bedeutet eine harte Währung für eine Exportnation? Ganz einfach, die deutschen Exportprodukte waren für alle ausländischen Käufer auf den ersten Blick teuer. Hat dies Deutschland gestört oder behindert? Nein, die deutschen Produkte waren von einer so ausgezeichneten Qualität, dass es sich für Ausländer trotz des verhältnismäßig hohen Preises gelohnt hat, diese zu kaufen. Anders herum bedeutet dies aber auch, dass Deutschland permanent gezwungen war, eine über dem Weltmarktstandard liegende Qualität anzubieten. Aus dem eigentlich von den Briten zum Schutz der heimischen Wirtschaft eingeführten „Made in Germany“ war ein weltweites Markenzeichen der Qualität und Güte geworden.

Wir drücken wieder Play und schauen uns das wirtschaftliche Umfeld an. Billiger Euro, niedrige Zinsen. Wo ist der Druck, der uns zur Perfektion und Exzellenz peitschte? Welcher Markmechanismus haut uns heute auf die Finger, wenn wir mal unsere Hausaufgaben nicht erledigt haben oder ein zerknautschtes Bastelprojekt abgeben? Keiner! Denn der für uns Deutsche viel zu schwache Euro erlaubt es uns zu pfuschen. „Oh, verglichen zu früher geht die Maschine jetzt doppelt so schnell kaputt - macht ja nix, bei dem Eurokurs kann ich mir ja zwei kaufen.“ Wir haben es uns im Bett der niedrigen Zinsen und des billigen Euros gemütlich gemacht und schlichtweg verlernt zu performen! Noch reiten wir stolz mit hochgerecktem Kinn das Pferd „Made in Germany“ - allerdings ohne es zu füttern. Ich befürchte, dass wenn die Zeiten mal wieder härter werden, wir nicht mehr das Vermögen haben werden, den Vorwärtsgang einzulegen.

Wären wir ein Land der Bodenschätze könnten wir uns wenigstens immer an ein „Butter und Brot“- Volkseinkommen klammern. Aber außer Ackersteinen und Kleeblumen haben wir nun einmal nichts. Wir sind sicherlich gut beraten, uns darauf zu konzentrieren, was wir können – sozusagen den Deutschen USP zu steigern. Aber genau da wird mir bange. Während wir uns spätromantischen Diskussionen um Eliteunis und schnellem Internet in der Fläche hingeben, versucht China das Forschungsfeld rund um die künstliche Intelligenz vollständig zu besetzen.

Was das alles mit dem derzeitigen Qualitätsverlust auf dem deutschen Arbeitsmarkt zu tun hat? Wissen Sie’s oder soll ich die chinesische KI fragen?!